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veröffentlicht im Jahrbuch 2000 des Fuldaer Geschichtsvereins (Jochen Heinke) |
Die Namen der alten Fernstraßen um Fulda
Nach dem Erscheinen meines in den Fuldaer Geschichtsblättern 1998 erschienen Aufsatzes " Der Alte Weg aus der Wedereiba in den Graffeldgau" wurde ich darum gebeten, doch sorgsamer mit dem Namen Ortesweg umzugehen, da dieser nur im Umkreis des Klosters Fulda urkundlich belegt sei.
Nun habe ich in meinem Aufsatz bereits in Kapitel 1.1. darauf hingewiesen, dass Ortesweg kein Eigenname, sondern ein Gattungsname ist, ich aber trotzdem aus Gründen der Übersichtlichkeit im Text an der Bezeichnung festhalten will.
Denn für den Weg, den der Pferdeknecht aus der Wetterau mutmaßlich nahm, ist schon seit vielen Jahren die Benennung Ortesweg gebräuchlich, wie sich auch für die "Alte Handelsstraße von Mainz nach Thüringen" der Name Antsanvia eingebürgert hat. Auch Antsanvia ist ein Gattungsname und bedeutet so viel wie "alte Straße".
Das Festhalten an den bisherigen Bezeichnungen ist normalerweise nicht weiter schädlich, da fast alle - wenn nicht sogar alle - überregionalen vor- bzw. frühzeitlichen Wegezüge heute künstliche Bezeichnungen tragen oder nur Namen, die in einer bestimmten Region gebräuchlich waren. Übereinstimmende Namen von vor- und frühzeitlichen Wegezügen, mit denen sie früher auf ihrer gesamten Strecke bezeichnet wurden, sind m. W. nicht überliefert. Eine durchgehende Benennung der z.T. europaweiten Fernwege gab es zu keiner Zeit und sie trugen in ihrem Verlauf mehrerer Namen.
Wenn man nun die Bezeichnung Ortesweg nur auf den Klosterbereich beschränkt sehen möchte, muss man versuchen zu klären, warum er dort an verschiedenen Stellen auftaucht. Ich werde am Ende des Aufsatzes versuchen, dafür eine schlüssige Erklärung zu geben. Zum besseren Verständnis will ich jedoch vorher noch auf die verschiedenen Wege eingehen, die das Gebiet des Klosters Fulda berührten.
Noch ein paar Anmerkungen zur Altstraßenforschung
Beim Studium mancher Ergebnisse der hessischen Straßenforschung fällt auf, dass viele Altstraßenforscher geradezu pingelig an den von ihnen im Gelände festgestellten Straßenzügen hängen, als ob es früher stets nur eine bestimmte Trasse gegeben hätte.
Zur Erforschung einer alten Straße sind die urkundlichen Erwähnungen und das definierte Verkehrsziel unabdingbar. Doch ist auch der Verlauf der vor- und frühzeitlichen Verkehrswege durch das Gelände dabei von großer Bedeutung, richtete er sich doch in erster Linie nach den vorgegebenen Bedingungen. Dabei sind die wichtigsten Grundsätze, dass solche Wege als Höhen- oder Kammwege verliefen und dass sie, weil sie meist dem günstigsten Verlauf im Gelände folgten, auch noch in späteren Zeiten genutzt wurden. Gudrun Löwe schrieb 1956:
... durch alle Zeiten werden stets dieselben von der Natur vorgezeichneten Höhenwege entlang den Wasserscheiden benutzt, sei es vom fahrenden Händler mit Saumtier und Ochsenkarren, sei es von beuteheischenden Heerhaufen oder landsuchenden Bauern mit ihrer beweglichen Habe. Auch der Viehtrieb der einheimischen Weidebauern bevorzugt die bekannten, auf den Höhenrücken gar nicht zu verfehlenden, übersichtlichen Straßen. Als markante und allgemein bekannte Linien im Gelände werden Straßen schon früh vielfach zu Besitzgrenzen; noch heute fallen sie weithin mit Flur- oder Gemarkungsgrenzen zusammen ....
Es ist kein Widerspruch zu den Ausführungen von Löwe, wenn ich der Auffassung bin, dass es "gebräuchliche Fernstraßen" gab. Von Mainz zum Kloster Fulda konnte man zum Beispiel auf zwei verschiedenen Verbindungen reisen:
· Am Taunusrand entlang durch die Wetterau und den Hohen Vogelsberg (nach Müller: Linke Nidderstraße ), der Weg, den nach der Beschreibung der Leichenzug des Bonifatius genommen hat
· über (Frankfurt) Bergen und den östlichen Vogelsberg auf der "Alten Handelsstraße von Mainz nach Thüringen".
Bei den beiden Strecken wird bereits deutlich: Die Höhen, welche die Straßen überschreiten müssen, sind unterschiedlich. Während "Linke Nidderstraße" auf Höhen über 600 m steigt, bewegt sich die Alte Handelsstraße über den östlichen Vogelberg bei maximal 500 m.
Neben anderen Dingen spielten bei der Wahl des "gebräuchlichen Weges" sicher auch die Jahreszeiten und die Wetter- und Klimaverhältnisse eine große Rolle. So wie es "Sommer-" und "Winterleiten" gab, wurden auf den Fernwegen auch schon mal andere Teilstrecken benutzt. Auch durch politische Verschiebungen und neue Siedlungen oder Aufgabe von bestehenden gab es zu allen Zeiten Änderungen am Verlauf und an der Bedeutung der Wege. Zum Beispiel zur Zeit der Fränkischen Landnahme und der danach erfolgten Sicherung der eroberten Gebiete durch Änderung der Verkehrsziele wie auch durch "Straßenbaumaßnahmen", wenn auch vermutlich nur in bescheidenem Rahmen.
Die heutige Straßenforschung kann sich fast nur noch auf die Auswertung der teils widersprüchlichen Ergebnisse früherer Altstraßenforscher stützen. Sie kann aber auch Ergebnisse aus verschiedenen Untersuchungsräumen zusammenfassen, sodass sich unter Umständen neue Erkenntnisse über zusammenhängende Wege ergeben. Bei der Feldforschung muss man sich an den morphologischen Gegebenheiten im Gelände orientieren, wie es die meisten namhaften hessischen Altstraßenforscher getan haben. Spuren im Gelände deuten allerdings in der Regel nur darauf hin, dass diese Wege in späteren Zeiten mit Fuhrwerken befahren wurden. Beweise für den genauen Verlauf vor- und frühzeitlicher Straßen im Gelände wird man nur ganz selten antreten können und dann auch nur auf kurzen Teilstrecken. Schlüsse über den Verlauf dieser Fernverbindungen lassen sich allerdings aus entsprechenden Bodenfunden ziehen. Helmut Jäger schrieb 1954:
"detaillierte Trassenangaben zur Fixierung der alten Völkerstraßen sind in den ernstzunehmenden neueren Arbeiten in der Regel unterlassen worden, weil so gut wie keine vorfränkischen Quellen existieren und weil die bisherigen Bodenfunde nicht ausreichen, daran ganze Straßenzüge aufzuhängen. Trotzdem ist anzunehmen, dass die alten Trassen und Verbindungswege in der Regel weitertradiert werden, weil bis in die frühmittelalterliche Zeit in erster Linie die natürlichen Gegebenheiten des Terrains den Streckenverlauf bestimmen. Hierbei ist freilich nicht auszuschließen, dass sich mit den Verkehrszielen auch die Verkehrsfunktion einzelner Routen verschob."
Man kann davon ausgehen, dass die frühen Fernstraßen bis in die Zeit der Fränkischen Landnahme überwiegend als Höhen- oder Kammwege verliefen. Dabei gab es wohl an dem einen oder anderen wichtigen Flussübergang Brücken, wie man aus der "Vita Sturmi" weiß. Mit zunehmender Besiedlung zogen einzelne Verbindungen zwischen Ortschaften in den Tälern den Verkehr von den alten Hochstraßen ab. Dass sich dieser Prozess über einen langen Zeitraum hingezogen hat, dürfte dabei klar sein. Anzunehmen ist jedoch, dass Teilstrecken der alten Hochstraßen weiter gebräuchlich waren. Insofern läßt sich eigentlich kein klares Bild des gesamten frühen Straßennetzes zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzeichnen.
Görich hat mit dem System der Höhenwege auf den Wasserscheiden versucht, ein frühes Straßennetz zu rekonstruieren. Dieser Weg scheint mir richtig zu sein. Wenn man jedoch Verbindungswege und jüngere Straßen mit einbezieht, wird die Beschreibung m. E. unübersichtlich. Ich will mich deswegen nur auf die - vermuteten frühen Fernstraßen um Fulda aus der Zeit der Gründung des Kloster beschränken.
Wichtige Straßen im Gebiet von Fulda zur Zeit der Gründung des Klosters
Im Raum Fulda kreuzten sich seit Urzeiten wichtige Fernstraßen. Da diese hauptsächlich auf den Höhen verliefen und die günstigsten Geländegegebenheiten bevorzugten, sind sie abseits des Klostergeländes verlaufen. Dass sich mit der Gründung und dem Aufstieg des Klosters die Verkehrsbeziehungen und in der Folge die Verkehrsbedeutung einzelner Verbindungen veränderten, dürfte klar sein. Darüber hinaus sind alle frühen Straßenbenennungen durch Klosterbewohner aus ihrer Sicht der erfolgt, was mit in die Beurteilung einfließen muss. Insofern will ich in dieser Arbeit darauf eingehen, wie das Straßensystem um die Siedlung Eichloha vor der Gründung des Klosters bzw. in den Anfangsjahren ausgesehen haben mag.
Doch auch noch lange nach der Gründung des Klosters dürften Händler weiterhin auf den alten, abseits des Klosters verlaufenen Strecken unterwegs gewesen sein, während die Menschen, die mit dem Kloster in Beziehung standen, natürlich von den alten Fernwegen abbogen und auf Verbindungswegen zum Kloster zogen. Ihre Reise setzen sie danach auf einem anderen Verbindungsweg zur alten Fernstraße und auf ihr fort. Diese Verbindungswege waren in einer Übergangszeit - bis sich durch die Entstehung der Talstraßen erneut andere Verkehrsverbindungen entwickelten - für den Verkehr zum Kloster von großer Bedeutung gewesen.
So ist es durchaus wahrscheinlich, dass man auf dem Weg von Mainz nach Thüringen von der alten Handelsstraße abbog und, wie von Görich beschrieben, auf der "Oberen Münsterer Straße" die klösterliche lange Brücke zu erreichen. Auf der "Semita Antiqua" sei man danach wieder zur alten Handelsstraße in Richtung Thüringen gelangt.
Das frühzeitliche "Fernstraßensystem" im Bereich von Fulda
Damals durchzogen mehrere Fernstraßen den Großraum Fulda. Drei davon auf den Höhenzügen westlich von Fulda, eine östlich, auf der Wasserscheide zwischen Fulda und Haune. Die östliche ist zwar hier nicht eigentlich Gegenstand der Betrachtung, doch sei ihr Verlauf kurz beschrieben:
Sie sei vom Spessart und der Hohen Rhön her gezogen, habe bei Lütter die Fulda durchquert und sei danach auf der Wasserscheide zwischen Haune und Fulda in Richtung auf Nieder Aula oder mit Ziel Fritzlar/Paderborn bzw. Kassel gezogen.
Für Görich war sie die große "Nord-Süd-Straße". Vermutlich bei Nieder-Aula oder Hersfeld stieß sie auf die später so genannte "Geleitstraße durch die Kurzen Hessen". In einer Karte von K. Th. Ch. Müller aus dem Jahre 1933 heißt diese auch "Regia Strata."
Ich bin jedoch der Auffassung, dass die "Große Nord-Süd-Straße" einen anderen Verlauf hatte, denn der von Görich angenommene Streckenabschnitt südlich von Fulda über Thalau zum Dammersfeld in der Hohen Rhön und weiter über den "befestigten Kreuzberg" nach Salz, führt nach Südosten und nur auf einem Umweg nach Würzburg. Gleichwohl dürfte Görich Recht haben, dass es eine Verbindung über das Dammersfeld nach Salz gab.
Um das frühzeitliche "Fernstraßensystem" im Bereich westlich von Fulda besser verdeutlichen zu können, betrachte ich das Gebiet, etwa von der Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa unterhalb des Hellberges über die Bimbachquelle nach Kämmerzell, von dort zur Fuldafurt bei Bronnzell und durch den Neuhöfer Forst zurück zum Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa, als ein Zentrum, durch das 3 Fernstraßen hindurchlaufen (von Norden, im Uhrzeigersinn):
Von Norden nach Süden
Von (Büraburg/Fritzlar) Hersfeld eine Verbindung, die auf 2 Wegen nach Süden verlief:
1. Ein Abzweig von der "Straße durch die Kurzen Hessen" nördlich von Lauterbach, der über Salzschlirf und Gr. Lüder zur Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle lief, wo er auf die Antsanvia und den unter Ziff.2 genannten Zweig traf. Görich hat ihn in seiner Kartenbeilage zu "1200 Jahre Hünfeld" eingezeichnet, erwähnt ihn jedoch nicht in seinem Aufsatz, obwohl eine Teilstrecke von ihm als erschlossenen Fernweg auf kurzer Wasserscheide bezeichnet ist.
2. Wie von Görich beschrieben, auf der Wasserscheide zwischen Haune und Fulda bis das Gebiet von Oberfeld, dann aber mit der Alten Handelsstraße von Mainz nach Thüringen zum Kreuzungspunkt Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle.
In ihrem weiteren Verlauf ab der Höhe 416 blieb diese Straße zunächst Kammweg, lief über die Steinerne Platte, vorbei am Himmelsberg und traf am Punkt "Alte Straße" auf den West-Ost-Weg ("Ortesweg", vom Vogelsberg in die Rhön). Etwa ab dem "Maedkreuz" zog sie zu einer Furt durch die Fliede bei Neuhof, und danach über Mittel-/ Oberkalbach nach Sterbfritz im oberen Sinntal. Weiter führte die Straße als Hochstraße östlich des Sinntales in Richtung Hammelburg und Würzburg.
Dies ist m. E. die große "Nord-Süd-Straße." Sie hat gegenüber dem von Görich südlich von Fulda angenommenen Streckenabschnitt durch das Dammersfeld und über den Kreuzberg nach Salz auch den Vorzug, dass sie die Hohe Rhön nicht tangiert und direkt nach Süden führt.
Georg Landau beschreibt in seinen "Beiträgen zur Geschichte der alten Heer- und Handelsstraßen" eine solche Verbindung, die aus dem Norden nach Hersfeld, durch den Fuldaer Raum nach (nach Hammelburg geführt habe:
"....Sie führte nach Hersfeld und da in 2 Armen entweder auf der alten Bergstraße, welche längs der Fulda hinauflief, oder im Tale über Hünfeld nach Fulda. Weiter führte die Straße nach Neuhof, über Nieder- und Mittelkalbach, Veitsteinbach, wo Fulda 1357 einen Zoll erhielt, über Sterbfritz, zwischen Alten- und Neuengronau hindurch, wo sie noch jetzt die Alte Weinstraße heißt, über die Dörfer Sinn, wo sie schon 1015 genannt wurde (Schannat), nach Hammelburg.
Von Nordosten nach Südwesten
Von Eisenach (Thüringer Wald) die "Alte Handelsstraße von Mainz nach Thüringen", die bei Kämmerzell die Fulda querte und zur Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle führte. Für ihren weiteren Verlauf gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Als "Frankfurter Landstraße" wieder absteigend, durch die "Kalte Lüder" in der Nähe der heutigen Hessenmühle und weiter oberhalb von Hosenfeld und Brandlos zur Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa (oberhalb von Hauswurz und Brandlos). Danach weiter auf der östlichen Flanke des Vogelsberges über Marköbel und (Frankfurt)-Bergen nach Mainz.
2. Weiter auf den Höhen über die "Steinerne Platte", vorbei am Himmelsberg, durch das Gebiet "Hinterschiefersrain" zur Verzweigung "Alte Straße" und gemeinsam mit dem Ost-West-Weg (Weg aus der Rhön zum Vogelsberg; "Ortesweg") zur Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa .
Bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es über den Verlauf der Alten Straße von Mainz nach Thüringen in diesem Bereich unterschiedliche Auffassungen. Th. Haas (Fulda) vermutete den Verlauf wie die "Frankfurter Landstraße" änderte jedoch seine Meinung im Jahre 1920. Müller und Vonderau waren unterschiedlicher Meinung, so dass Müller seine Position in einer "Streitschrift" gegenüber Vonderau deutlich machte.
Görich. betonte sehr stark die Existenz der direkten Verbindung (1), die er als "Frankfurter Straße" und als "Kürzungsstrecke" bezeichnet. (In seiner Karte heißt sie "Frankfurter Landstraße"). Auch Hahn bezeichnete sie als "Variante" und war der Auffassung, dass der Verlauf so war, wie unter Ziff. 2 beschrieben.
Unstrittig ist, dass die "Alte Handelsstraße von Mainz nach Thüringen" in den Urkunden als "Antsanvia" bezeichnet wurde. Die Benennung der Grenzpunkte des Klosters, insbesondere "Von der Bimbachquelle durch die Antsanvia ..." macht nur Sinn, wenn diese so wie in Ziff. 1 beschrieben verlaufen ist. Deswegen neige ich zu der Auffassung, dass der "gebräuchliche Weg" zur Zeit der Klostergründung der wie unter Ziff. 1 beschriebene war.
Von Ost nach West
Von Osten (mittlerer und östlicher Thüringer Wald, Bamberg) der Weg durch die Rhön (in der Literatur "Ortesweg"), der die Fulda bei Bronnzell querte, über die Nippelskuppe auf die Höhen des Neuhöfer Forstes zog, sich am oder in der Nähe des "Maedkreuzes" mit der von Hammelburg/Würzburg herziehende Straße vereinigte, mit ihr bis zum Höhenpunkt "Alte Straße" gemeinsam zog, und danach zur Wasserscheide zwischen Kemmete und Jossa (oberhalb von Hauswurz und Brandlos) führte, wo sie auf die "Alte Handelsstraße von Mainz nach Thüringen" traf. Für ihren weiteren Verlauf gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Mit der Alten Handelsstraße zur "Naxburg" oberhalb von Freiensteinau und ab dort mit der "Vogelsberger Weinstraße" nach Westen.
2. Oder aber auf der Wasserscheide bleibend über Nieder-Moos nach Crainfeld und weiter nach Westen zur Wetterau bzw. dem Marburger Land.
Wo genau diese Verbindung auf die Alte Handelsstraße traf bzw. von ihr abzweigte, darüber gab es in der hessischen Altstraßenforschung unterschiedliche Auffassungen zwischen Kofler , Vonderau und Müller. Ob sie nun über Ober- oder Niedermoos nach Crainfeld gezogen ist oder den Schlenker um die Naxburg gemacht hat, wird sich nicht mehr nachvollziehen lassen.
Die Strecke in das Marburger Land könnte die von Hahn vermutete Querverbindung zwischen den keltischen Hauptstädten sein, die
"den Staffelstein mit der Steinsburg auf dem Kleinen Gleichberg im Grabfeldgau und im weiteren Verlauf mit der Milseburg und dann dem Dünsberg bei Gießen" verband.
Dass die bereits eingangs erwähnte "Linke Nidderstraße" ebenfalls in den Großraum Fulda einmündete, soll nicht unerwähnt bleiben. Sie dürfte aber vom Hohen Vogelsberg so wie die Ost-West-Verbindung verlaufen sein.
Der Kammweg auf den Höhen westlich von Fulda
Auf den Höhen des Neuhofer und Gieseler Forst bildeten die das Gebiet durchlaufenden Teilstrecken der drei Fernwege ein durchgehendes Kammwegsystem, das an der Kämmerzeller Furt begann und an der Bronnzeller Furt endete:
· Die Teilstrecke der "Alten Handelsstraße von Mainz nach Thüringen" ab der Kämmerzeller Furt zur Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle. Dort traf sie auf die von Schlitz / Gr. Lüder herziehende "Nord-Süd-Straße."
· Diese blieb auf der Höhe und zog in südliche Richtung über die Steinerne Platte, vorbei am Himmelsberg und stets weiter den Höhenlinien folgend zum Punkt "Alte Straße" im Neuhofer Forst, wo sie auf den "Ost-West-Weg," den sogenannten "Ortesweg" traf, auf dem der "Pferdeknecht aus der Wedereiba" unterwegs war.
· Dieser bildete den südlichen Teil des Höhenwegsystems und zog durch das Gebiet Hinterschiefersrain und über die Nippelskuppe zur Furt bei Bronnzell.
Wie kommt es nun zum Namen Ortesweg?
In der Sprachfamilie "Ort" bedeutet nach dem Lexikon :
§ Ortgang - bei Sattel- oder Pultdächern die Begrenzung des Giebels durch die schräge Dachkante,
beim Schieferdach die Eindeckungsreihe der Anfangs- oder Endsteine am Giebel
§ Ort - Ende des bergmännischen Stollens, Abbaustelle
§ Ortband - unterer Abschluss der Schwertscheide
Immer also ist "Ort" eine Begrenzung!
Wie eingangs erwähnt muss man berücksichtigen, dass die Nennung der alten Straßen im Bereich des Klosters aus Sicht der Klosterbewohner erfolgte. Die Höhenzüge des Gieseler und Neuhöfer Forstes, mit Himmelsberg und Steinerner Platte im Westen, bilden aus dem Blickwinkel des Kloster den Abschluss des Horizontes nach Westen und Südwesten. Beinahe im Halbkreis um das Kloster herum verläuft ein Kammweg, auf dem verschiedene Verkehrsziele zu erreichen sind und der seinen Anfang und Ende jeweils an der Fuldafurt in Bronnzell bzw. Kämmerzell hat. Für den Betrachter und insbesondere für den im Klosterbereich wohnenden, ist es dabei weniger von Bedeutung, dass sich der Kammweg aus drei verschiedenen Wegen, die alle ein anderes Verkehrsziel haben, zusammensetzt. Für ihn ist es ein Weg - der Ortesweg.
Görich hat den Begriff des Ortesweges nach seinen beiden urkundlichen Erwähnungen auf den Klosterbereich beschränkt. Und zwar nach der Grenzbeschreibung in einen nördlichen im Bereich der Steinernen Platte und nach der Vita Sturmi einen südlichen in der Nähe der Bronnzeller Furt. Er schreibt:
"So hätten wir jetzt, vom Hellberg kommend, einen klaren Wasserscheidenweg, der sich vor der Höhe Alte Straße (458,4) - nach der oberen und unteren Fuldafurt, d.h. nach Bronnzell und Kämmerzell hin, auf zwei ebenso ruhige Rücken gabelt und auch in beiden Armen gleichermaßen als Ortesweg bezeichnet ward. Dies ist freilich nicht weiter zu verwundern, sondern vielmehr (n. Th. Haas) recht sachlich zu erklären, weil der Name - wie auch "Rennweg" - ganz allgemein "Kammweg" zu bedeuten scheint.
Dem kann ich nur zustimmen, denn es gibt auch zwischen der Nennung des Ortesweges und der Nennung des Weges, den der Pferdeknecht einschlug, keinen direkten Zusammenhang.
§ "Noch ein wenig höher ziehend kam Sturmius an den Pfad, der mit (seinem) altem Namen Ortesveca genannt wurde". Görich war der Auffassung, dass sich Sturmius dabei auf dem linken Ufer der Fulda befunden habe .
§ Der "weltliche Mann begann seines Weges weiter nach dem Graffelt zu ziehen." Man hat daraus geschlossen, dass er auf dem Ortesveca weiter gezogen war. Genauso könnte man aber auch sagen, dass dieser an der Furt durch die Fulda zuende war.
Fazit:
· Ortesweg ist ein Gattungsnamen, weswegen es sicher richtig ist, ihn im Zusammenhang mit der Gründungsgeschichte des Klosters nur auf den Klosterbereich zu beschränken.
· Dass die Teilstrecken der drei Fernwege einen Weg bildeten, der, aus der Sicht des Klosters betrachtet, ein einziger Kammweg war und deswegen "Ortesweg" genannt wurde, erscheint logisch.
· Die "Alte Handelstraße von Mainz nach Thüringen" verlief zwischen der Wasserscheide von Kemmete und Jossa und der Höhe 416 in der Nähe der Bimbachquelle nicht als Höhenweg.
· Die "Große Nord-Süd-Straße" verlief auf den Höhen westlich von Fulda und überquerte bei Neuhof die Fliede. Als Weinweg bzw. Weinstraße lief sie zu einer wichtigen Kreuzung im Bereich der Breiten First bei den Sparhöfen (nur 2 Tagesmärsche von Fulda entfernt), wo sie eine über den Spessart zur Rhön ziehende Straße kreuzte, die wahrscheinlich eine Straße des Königs zu karolingischen Zeiten war.